Sydney war für mich ein bunter Dildo. Teebeutel in einem dampfenden Kochtopf voll Nasenschleim. 10 Japaner mit denen ich eine kleine Wohnung über der Stadt teilte. Snoop Dogg an Silvester und Hanna. Wir wohnten in verschiedenen Wohngemeinschaften, sammelten uns, gaben uns Zeit. Das Leben, das wir in Sydney lebten, war ein Gutes. Es war ein Leichtes in die Bequemlichkeit zu fallen. Jede Woche gab es Geld von der Oase, die Miete war gedeckt, eine warme Mahlzeit stand auf dem Tisch. Nach dem ersten Kaffee kam pünktlich die erste Ladung im Tau eines jeden frühen Morgen. Ungewöhnliches wurde gewöhnlich. Sogar Exhibitionismus im Zuge unseres Lebensumstandes nie alleine zu sein zu können. Das Herz hielt im Fahrstuhl gemeinsam mit Hanna inne und pochte an der Kante eines schwindelerregenden Wolkenkratzers mit heruntergelassener Hose. Ganz normal! Selbst die Oase wurde zum eingefleischten Teil meiner selbst. So manche Trampelnde traben bis zum Stichtag der Wiederkehr auf der Stelle. Einmal um die Welt und zurück ohne Spuren hinterlassen zu haben. Keine Gravur auf dem Herzen. Sie hatten die Auswahl und entschieden sich dazu keine Entscheidung zu treffen. Bequemlichkeit! Wir genossen sie im für uns richtigen Maße zwischen den Turbulenzen. Im Bequemen wagten wir uns Träume zu malen. Fühlten uns dem Irrsinn hingezogen. Im Sturm fielen innere Blockaden wie Dominosteine vom Kleinen zum Großen. In der Ruhe danach oblag jedoch das wahre Vermächtnis. Reflektion! Die Entfaltung der eigenen Person fühlte sich wie eine überproportionale Kurve an. Die x- und y-Achsen weiteten sich uns gesinnt. Horizontal oder vertikal. Wir konnten alles schaffen und überall hin. Die Zeit war zeitlos und auf unser Visum limitiert.
Drei Monate auf dem Acker ackern. Das war die Bedingung der Regierung an deutsche Trampelnde, die zwei anstelle von einem Jahr trampeln wollten. Unsere Reise hatte nach sechs Monaten gerade erst begonnen, wie hätte sie schon so bald enden sollen? Aller Anfang ist schwer und in den letzten sechs Monate fingen wir so vieles an. Ein erster Tag auf Reisen als Adler unter Kängurus und Emus. Eine erste feste Beziehung. Ein erstes mal existenzielle Angst und ein Morgen danach. Jedes Unwetter brachte einen Regenbogen im Sonnenlicht hervor, den wir bewunderten.
Wir entschlossen uns zu ackern. Wir entschlossen uns aufzubrechen.
Von Sydney aus nahmen wir einen kurzen Schlenker in den Westen nach Margaret River auf uns. Besuchten Hannas Schwester und ihre durchtriebene Freundin. Sie wollten nicht trampeln, sondern lebten für den nächsten Stich. Jede Errungenschaft kürzte den geschwungenen Bleistift und füllte die Liste der Sünden. Mit Hanna zu sein, ging mit dem Kompromiss einher keine weiteren Blumen bestäuben zu dürfen. Das Blumenfeld war riesig. Ich hatte das Glück eine besondere Blume gefunden zu haben. Die kleine Küstenstadt nahm uns den Ballast der Großstadt von den Schultern. Wenn man ganz still war, hörte man die Brise im Geäst rascheln und das Meer rauschen. Schlafen fühlte sich geborgen an. Aufwachen war von purer Lebenslust gestimmt. Margaret River hatte einen Takt fern von Hast. Ein Platz für baumelnde Seelen unter grünen Palmen. Erst im Kontrast verstand ich wie sehr die Großstadt an mir zerrte.
Von West nach Ost baumelten wir im Flug nach Brisbane weiter. Derweil blickten Hanna und ich auf 120 geschriebene Seiten für ebenso viele Tage zurück. Rund 11.500 Kilometer vom Norden über den Osten in den Süden zum Westen, um wieder im Osten zu landen. Wir waren so weit mit so wenig gekommen. Alles was wir besaßen, passte in unser neues Heim auf vier Rädern. Wir kauften uns einen alten Ford Falcon Kombi. Grün wie ein verbrauchter Frosch hatte dieses Weltkulturerbe mehr Kilometer hinter als vor sich. In die Jahre gekommen schleuderte er beim Bremsen wie eine schief stehende Waschmaschine im Endspurt. Ein Fernlicht ließ zu wünschen übrig. Im Dunkeln sah man mit dem Standlicht so weit wie der Gehstock eines Blinden reicht. Die Heckklappe des Kofferraums, unser Eingang ohne Hebefunktion. Kurzum fühlte ich mich wie Fred Feuerstein. Hanna war meine Wilma. Stemmen und klemmen, unser Motto. Ich stemmte die Heckklappe hoch und Hanna klemmte ein solides Plastikrohr dazwischen. Jedes Mal! Unsere Rucksäcke verstauten wir im Fußraum der umgeklappten und leicht maroden Rücksitze. Unsere Matratze passte sich der Blechkiste an, schlug inmitten eine Welle. Alles in allem ein wahr gewordener Traum für den wir unseren fast letzten Taler gaben.

Mit unserem verbrauchten Frosch als Heim fuhren wir von dort in das Ackerland Gayndah. Eine Einöde im staubigen Inland von Queensland. Man versprach uns Arbeit als Erntehelfer auf einer Farm für Zitrusfrüchte. Wir hatten nur das Wort einer Dame am Telefon. Wir hielten daran fest und gaben unser letztes Hemd für die Anreise.
Unter Tränen vor Lachen legten wir den Schleudergang ein. Jeder gefahrene Kilometer war ein Jubel diesen ohne Panne zurückgelegt zu haben. Würden wir 350 mal Jubeln hätten wir unser Ziel erreicht. Welch Ironie! Wir waren in Sydney so artige Mitbürger, verdienten auf ehrliche Weise unsere Brötchen und lebten zivilisiert in gepflegten Wohnungen über den Dächern. Zwei Schlenker später hoben wir stolz die Fäuste und klopften ergriffen auf die Haube, wenn der Motor ansprang. Krochen die letzten Kilometer nach Gayndah auf dem Reservetank in der Dunkelheit der Dämmerung am Rande des Linksverkehrs. Ganz langsam unter strömenden Regen mit Standlicht auf einer einsamen Landstraße. Es fühlte sich echt und mehr nach uns an da draußen verloren zu sein. Wir mussten den Abschnitt in Sydney mitnehmen, um die Ungewissheit der Straße wieder schätzen zu lernen. Wir waren unter den Massen nicht gut aufgehoben, waren Verlorene, die sich jeden Tag finden sollten. Wir trotzten dem Gegenwind nicht mehr, wir nahmen ihn an. Das Flüstern der Brücke wurde unser Antrieb, die Brücke unser Freund.
Der Weg nach Gayndah war ungewiss und das Ungewisse fühlte sich vertraut an. Die erste wie jede folgende Nacht war wie eine Pyjamaparty, die man kaum erwarten konnte. Wir warfen uns Geschichten zu, malten uns gruselige Monster aus. Wir träumten von der weiten Welt und die Möglichkeiten, die sie inne hielt. Genossen das Miteinander. Mal albern mal ernst. Auf dem Dach huldigten wir gemeinsam mit den Dingos den Mond. Sprachen viel über die Vergangenheit. Über den Riesen, der auch Hanna heimsuchte. Es kam mir so vor als hätten wir die letzten sechs Monate nur Anlauf genommen, um im Jetzt sein zu können.
Gayndah, das älteste Dorf im Bundesstaat Queensland. Das Zentrum der Zitrusfrüchte Australiens. Ortseingangs wurde man von einem lächelnden Orangenkopf begrüßt. Die Gegend erinnerte leicht an vergangene Zeiten. Etwas trostlos und verkommen. Ein paar mehr Umdrehung um die Achse später bogen wir in eine staubige Seitenstraße ab. Vor uns erschloss sich ein riesiges Lager voller verbrauchter Frösche in den unterschiedlichsten Farben. Es nieselte leicht auf die improvisierte Dachlandschaft aus blauen Planen. In so mancher Ecke dampfte es. Eine Abbiegung konnte Welten ändern. Wir betraten ein kleines Stübchen am Eingang. Eine alte Dame von rauer Natur und ohne Goldzahn begrüßte uns verdroschen. Wir hatten kaum Geld für Essen und wurden auf eine Warteliste vertröstet. Ein Stellplatz kostete 720 Dollar im Monat. Wir verstanden uns darin, dass die Dinge nie nach Plan liefen. Daher gab es nie einen, nur eine enorm flexible Richtung. Unser letzter Taler gab uns wenige Wochen Puffer. Wir bezogen das Lager und hissten die blaue Plane mit Axt und Hammer. Unsere Nachbarn standen mit uns im Regen zur Tat bereit. Ein englisches Paar mit Tendenz zum massiven Alkoholismus, französische Hippies mit einem Huhn, eine australische Kleinfamilie in einem umgebauten Schulbus und mehr Verlorene, die uns zu den Ihrigen machten. Das Lager hatte mehr Erntehelfer, als Sparta Krieger und bot 6 Duschkabinen an. Zähne putzen im Freien war das oberste Gebot, um den Durchlauf zu beschleunigen. Die kleine Küche stand offen unter einem Wellblechdach. Es gab keinen geschützten Raum. Unser Reich unter der blauen Plane war das Wohnzimmer. Wir hatten einen Gaskocher für den Kaffee am Morgen. Eine Kiste mit Geschirr an der wir aßen. Zwei halbwegs gemütliche Stühle und ein Zelt für zusätzlichen Stauraum.
Der Widerstand füttert die Bereitschaft. Er nährt die Kreativität. Schweißt zusammen. Wir kauften uns einen großen Sack Reis, eine sehr billige Angel und eine Dose lebendiger Würmer. Ich brachte es kaum über das Herz den Wurm auf den Haken zu fädeln. In Schweden schien es ein Brauch zu sein im Kindesalter mit Bären zu kämpfen. Bei meinem Anblick wusste Hanna nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Ich entschuldigte mich bei dem Wurm, spießte ihn auf und warf ihn mit einem Hieb ins Wasser. Der Wurm war bereits ein Herzensbrecher. Ich machte mir keine Gedanken über den Fisch bis es dann soweit war. Ich versuchte mich daran ihn von der Leine zu nehmen. Hanna brach dem Fisch im Handumdrehen das Genick. Ich war empört über diese gnadenlose Selbstverständlichkeit. Ab der dritten Woche begann das Ackern auf der Farm. Wir hatten uns arrangiert, gingen schlafen, lächelten uns an.
Ein Morgen begann nun vor dem Sonnenaufgang. Die Frische war bei unter zehn Grad Außentemperatur feucht und klebrig. Selbst das Huhn schlief noch. Ein Griff zur Gasflamme mit der Zahnbürste im Mund. Im Bademantel schritt man verträumt zur Sammeltoilette. Wir saßen kopfschüttelnd mit Toast und Kaffee voreinander. Der Schleudergang brachte uns auf den Weg zur Farm inmitten eines Panoramas von hüpfenden Kängurus im rötlichen Sonnenaufgang. Unsere Vorgesetzten waren versiert im Umgang mit der Schrotflinte. Schossen Paradiesvögel vom Himmel, um ihre Früchte zu schützen. Sie besaßen richtige Sonnenhüte aus Leder, gleich ihrer rissigen Haut. Seit eh und je im Geschäft schienen sie recht abgebrüht. In ihren Augen waren wir eine Ansammlung von privilegierten Jammerlappen. Unfähig dazu anzupacken. Am liebsten hätten sie den Gürtel ausgezogen, um nachzuholen, was unsere Eltern sich nicht gewagt haben. Man gab uns einen Umhängebeutel, eine ausfahrbare Leiter und eine Zange.
Hanna und ich bekamen eine Doppelreihe an Bäumen zugeteilt. Das morgendliche Nass der Bäume verdunstete mit dem Sonnenaufgang. Guten Morgen Welt! Innerhalb weniger Stunden stieg die Temperatur von unter 10 auf über 30 Grad an. Morgens zogen wir uns stocksteif Plastiktüten über die Schuhe, damit unsere Füße trocken blieben. Die eisige Leiter durchdrang den dicken Handschuh. Die Bäume schützten sich durch ihre Dornen und wir unsere Unterarme mit dicken Socken. Die Sonne brannte uns nach 12 Uhr bis zum Schichtende nieder. Die gefüllten Bauchtaschen wurden zusammen mit der Erdanziehungskraft mit jeder Stunde erdrückender. Schlangen und Spinnen konnten einen Griff entfernt oder einen Schritt weiter lauern.
Alles wurde zur Gewohnheit. Das frühe Aufstehen und die Menschenansammlung an der Toilette. Der Griff zum Gaskocher. Die hüpfenden Kängurus und die bunten Vögel. Das lange Ackern. Das Verweilen unter dem Orangenbaum. All die Gespräche beim Schnippeln. Die wohlverdiente und heiße Dusche danach. Das Kochen am Abend. Das Schlafen im Auto. Das Lager und unser Wohnzimmer. Die Kälte und die Hitze. Jeden Donnerstag tranken wir Bier im Pub und spielten Poker. Die Pizza war köstlich! Das war der Höhepunkt unserer Gefühle. Wir nahmen sogar eine verbliebene Katze auf. Sie verstand sich mit dem Huhn aus der Nachbarschaft. Wir wuchsen mit Trampelnden aus allen Nationen im Lager zusammen. Man grüßte sich, kam auf ein Kühles vorbei. Es gab keine Ablenkung, nur das einfache Leben in der Orangenstadt namens Gayndah. Der Film spielte vor unserer Nase unter freiem Himmel ab.
Es mochte für Hanna und mich ein Lebensabschnitt gewesen sein. Für so manche Kollegen war es der Lebensinhalt. Wir beobachteten und bestaunten den Fleiß der Chinesen. Sie füllten den quadratischen Behälter in doppelter Geschwindigkeit. Beschwerten sich nie. Gar scherzten sie freudig und schenkten uns oft ein Lächeln. Sie arbeiteten für die Familie in der Heimat. Behielten aus Anstand nur so viel wie sie selbst zum Leben benötigten. Opferten sich für die Zukunft einer kleinen Schwester oder eines kleinen Bruders. Mein Kopf sank zutiefst berührt und beschämt. Ich dachte nur an all die verzogenen Kinder aus meiner Heimat. Wahrscheinlich aßen sie gerade eine Orange.










